Wii-2-240pxImmer wieder hört und liest man, dass Senioreneinrichtungen Wii Sports und speziell das Bowling anbieten. Aber ist das auch etwas für Demenkranke? Wir haben das ein paar Wochen lang getestet!

Eine Einladung zum Bowling

Die Diskussion "Wii oder Kinectbox" und der daraus hervorgehende klare Favorit Nintendo Wii mit Wii Sports mit dem Spiel Wii Bowling gaben den Impuls für unseren Praxistest in einem Alten- und Pflegeheim. Alle Hausbewohner haben wir ein Mal pro Monat zum "Wii Bowling" eingeladen und speziell das Verhalten der demenziell erkrankten Bewohner beobachtet. Bei stets mehr als 15 Spielern durfte jeder wie beim Kegeln dreimal auf die Vollen "werfen". Der Punktestand wurde auf einem Flipchart notiert.

Ein bisschen Spaß muss sein

Nach anfänglicher Skepsis macht sich schnell die Begeisterung breit. Viele der Teilnehmer schätzen die Gesellschaft und die Tatsache, dass etwas im Raum passiert. Sie haben aufmerksam das Geschehen verfolgt und sich wohlgefühlt in der Gemeinschaft. Besonders beliebt bei den Wii Sports ist das Bowling. Spontane Äußerungen wie „Das ist ja wie Kegeln!“ motivieren die Teilnehmer zur eigenen Aktivität. Die teils demenzkranken Senioren haben sich darüber gefreut, dass sie für die Umsetzung wenig Kraft benötigen und die Tätigkeit ebenfalls im Sitzen ausüben können. Somit geraten Gang- und Standunsicherheiten oder das Gebundensein an den Rollstuhl in den Hintergrund und der Spaß in den Vordergrund. Am Ende jeder Bowlingrunde haben die Teilnehmer sehr ausgeglichen und voller Vorfreude auf das nächste Mal gewirkt.

Von Kleingruppen profitieren

Langsam bildete sich aus der anfänglichen Großgruppe eine regelmäßige Kleingruppe. Diese Gruppe bestand aus einem festen Kern von meist fünf Personen mit leichten kognitiven Defiziten. Sie hat sich ein Mal pro Woche während des abendlichen Demenz-Cafés getroffen und regelmäßig andere Bewohner ins Spiel integriert. An der Kleingruppe schätzten die Teilnehmer die individuelle Anleitung, die intensivere Kommunikation und die längere Eigenaktivität. Dies wirkte sich positiv auf ihr Wohlbefinden aus. Im direkten Gruppenvergleich konnte die Ergotherapeutin feststellen, dass die Kleingruppen-Teilnehmer deutlich aktiver in den Bereich pflegen sozialer Kompetenzen wie der Kommunikation in der Gruppe und dem geben gegenseitiger Hilfestellungen als die Großgruppen-Teilnehmer waren. Zudem nutzten die Senioren ihre motorischen Ressourcen deutlich besser und gingen fast jedes Mal an ihre persönliche Leistungsgrenze. Oftmals fielen in der Kleingruppe Äußerungen wie: "Ich habe es am Tag danach wieder in der Schulter gespürt". Oder: "Das ist wie früher im Kegelklub, deswegen komme ich immer so gerne hier her." Diese Kommentare fehlten bei der Großgruppe. Das Resümee ist dort zwar ebenfalls positiv, jedoch kritisierten die fitteren Teilnehmer, dass sie nur so selten und kurz dran kommen.

Tipps für den praktischen Einsatz

So simpel, wie es zunächst klingt, ist der Einsatz der Wii-Konsole in der praktischen Arbeit mit Senioren nicht. Probleme machen mitunter die Bedingung der Konsole und die richtige Koordination der neuen Bewegungsabläufe. Dieses Problem gibt es bei der praktischen Umsetzung:

Tabelle: Lösungen beim Wii-Bowling mit Demenzkranken

Problem

Lösung

Stetiges Wegrollen der Bowlingkugel nach rechts oder links
  • Geführte Bewegungen einsetzen.
  • Wechsel des Spiels z. B. auf Power-Würfe
    • Verbale Anleitung: Vorgeben des Ziels, z. B. Punkt auf dem Bildschirm
    • Geben von visuellen Hilfestellungen wie dem Aufstellen von Kegeln
Koordinationsprobleme, z. B. finden des richtigen Rhythmus beim Losrollen der Kugel
  • Verbale Anleitung, z. B. Vereinbaren eines Kommandos, bei dem die Taste losgelassen werden soll
  • Teilweise geführte Bewegungen mit taktiler Reizgebung, wenn die Taste losgelassen werden soll
  • Teilweise Übernahme der Tätigkeit: Teilnehmer hält die Bedienung fest, der Therapeut legt seine Hand passend über die des Teilnehmers und übernimmt die Tastensteuerung.
Kognitive Probleme beim Umsetzten der Tätigkeit
  • Nennen der Einzelschritte bei jedem Wurf
  • vgl. Lösungen der Koordinationsprobleme
Mangelnde Ausdauer
  • Wählen kürzerer Spielsequenzen als die Wii-Konsole (10 Mal auf die Vollen) vorgibt: Mögliche Variante wie beim Kegeln (3 Mal auf die Vollen)

Wii und Demenz

Der Praxistest bestätigt die im EbeDe.net-Forum gemachten Äußerungen und die Erfahrungsberichte aus einem ZDF-Beitrag. Als Zielgruppe kommen Personen mit leichter bis maximal mittelschwerer Demenz infrage. Die Faustregel aus ergotherapeutischer Sicht lautet: "Je stärker die kognitiven Defizite sind, desto mehr Anleitung und Hilfestellung ist nötig." Die Lust auf eine Runde Bowling steigt bei biografisch belegbaren Interessensüberschneidungen: Wer früher gekegelt oder gebowlt hat, ist auch trotz Demenz besser zu motivieren. Diese Mitspieler erinnern sich oftmals an alte Bewegungsabläufe und Rituale von früher.

Wissenschaftler bestätigen positive Effekte

Die Studie "Auswirkungen von Nintendo-Wii® Bowling auf Altenheimbewohner" befasst sich mit den Auswirkungen auf  Alltagsfunktionen, Demenzstatus, Lebensqualität, Kognition und Motorik von Bewohnern im Altenheim. Festgestellt wurde unter anderem, dass sich das zweimal wöchentliche Spielen à 60 Minuten positiv auf die Kraft und die Koordination auswirkt. Eine Aussage über die Auswirkungen auf die Alltagsfunktionen und den Demenzstatus geht leider nicht aus der frei zugänglichen Kurzfassung hervor.

Ein positives Resümee ziehen auch die Wissenschaftler der BeWiTa Studie, die die Stabilisierung der Lebens- und Beziehungsqualität bei Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen nachgewiesen hat. BeWiTa ist ein Akronym für die Worte Bewegungstraining, Wii-Sportspiele, Tanzen und richtete sich an Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen wie Demenz, die zu Hause von ihren Angehörigen versorgt werden. Voraussetzung für die Studienteilnahme war, dass die Person eine Stunde pro Woche an einem der drei Angebote teilnimmt. Das Studienergebnis belegt, dass unter anderem die Lebensqualität und die motorischen Fähigkeiten stabil geblieben sind. Außerdem ahebn sich die kognitiven Fähigkeiten bei einigen Teilnehmern teilweise verbessert.

Fazit

Die Anschaffung einer Wii-Konsole ist eine lohnenswerte Investition für  Alten- und Pflegeheime. Regelmäßig eingesetzt fördert sie soziale Kompetenzen, weckt Erinnerungen und stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Obgleich das aktive Spielen eher etwas für Menschen mit leichten bis maximal mittelschweren kognitiven Defiziten ist, profitieren auch die schwerer demenzkranken Menschen von dem Angebot. Hier muss sich die Einrichtungsleitung und die Gruppenleitung jedoch Gedanken über die Ziele und Zielgruppe des Angebotes machen. Zu berücksichtigen ist die abnehmende Eigenaktivität der Teilnehmer bei zunehmender Gruppengröße. Optimal ist monatlich eine offene Gruppe für alle, ergänzt durch eine wöchentliche Kleingruppe für die individuellere Förderung.

Habt ihr noch Tipps und Erfahrungen mit Wii Bowling?

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Nintendo Wii mit Wii Sports, neu ca. 270 Euro, gebraucht ab ca. 60 Euro.

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