Autor Thema: Körbe flechten mit Dementen??? Wer hat Erfahrung und kann mir helfen  (Gelesen 2585 mal)

Offline donnergrummel

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 Hallo meine lieben Kollegen,

meine Chefin möchte, das ich mit dementiell stark veränderten Bewohnern Körbe aus Peddigrohr flechte. Ich bin schon seit einigen Jahren Ergotherapeutin und habe auch die ganze Zeit mit Dementen gearbeitet. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen das dass funktioniert. ich habe die Stelle neu angetreten und sie sagt, sie hat selber gesehen wie demente Bewohner Puppenwägen geflochten haben. Meiner Ansicht nach sind die Anforderungen die eine solche Arbeit mit sich bringt für einen leicht Dementen vielleicht gerade noch machbar, aber für mittel bis schwer Demente kontraindiziert. Was meint ihr, vielleicht sehe ich das auch falsch.

Danke schon mal
 
Donnergrummel 


Offline Johanna Radenbach

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Hallo Donnergrummel,

einige Tage sind verstrichen und noch niemand hat Dir geantwortet. Zu allererst: Ich habe auch keine praktische Erfahrung mit Peddigrohr bzw. Flechten von Körben bei Demenz.

Mit dem Flechten eines gesamten Korbes sind Personen mit einer mittelschweren Demenz bestimmt überfordert! Das Vorstellungsvermögen ist bei ihnen ja bereits sehr eingeschränkt. Der Demenzkranke muss sich den fertigen Korb vorstellen können, ansonsten versteht er die Tätigkeit nicht. Außerdem benötigt man viel Aufmerksamkeit und Konzentration um beim Flechten keine Staaken zu überspringen. Das ganze ist doch einfach zu abstrakt für eine Person mit einer mittelschweren Demenz.

Bei anfänglicher Demenz ist es aber unter Umständen möglich. Da Deine Chefin so erpicht darauf ist, probiere es doch mit diesem Personenkreis in einer Kleingruppe (drei Personen) einfach mal aus. Die Böden der Körbe würde ich auf jeden Fall vorgefertigt bestellen, das erleichtert die Arbeit. Ich würde mich auf kleine Körbe (z. B. Brötchenkörbe) beschränken. Einen Puppenwagen halte ich für maßlos übertrieben.

Gegen Flechten bei mittelschwerer Demenz ist aber grundsätzlich nichts einzuwenden. Ich habe gehört und selbst erlebt, dass diese Personen unter Umständen mit Freude Zöpfe flechten, aus dickem Material wie zum Beispiel aus abgeschnittenen Strumpfhosenbeinen. Flechten ist eine Tätigkeit, bei der das Rhythmusgefühl angesprochen wird, das bei einer mittelschweren Demenz noch sehr gut ausgeprägt sein kann. Außerdem ist die Flechttätigkeit im Langzeitgedächtnis vieler Frauen abgespeichert, da sie sich als Kind selbst Zöpfe geflochten haben und später ihren Töchtern.

Viel Spaß beim Ausprobieren.

Gruß, Johanna 


Offline donnergrummel

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Hallo Johanna,

ich bin froh das du das auch so siehst wie ich. Ich glaube das dieses Material auch nicht so geduldig ist. wie es in der Arbeit mit Dementen nötig wäre, denn die Flechtfäden müssen ja feucht bleiben und unendlich biegen kann man die auch nicht sonst>> knack>>. Mit drei Dementen flechten halte ich schon fast für abenteuerlich, ich werde, wenn ich es unbedingt muß mit einem Bewohner machen, mehr kann und will ich nicht verantworten. Ich hatte mal das Vergrügen mit mehreren
( 14) Bewohnern( Klientel sehr gemischt, weil Quantität vor Qualität>> so die Devise meiner Chefin>> Kotz!!!) mehrere Pizzen zu belegen. Das war das pure Chaos, wärend ich mit dem einen Bewohner Beschäftigt war, hatten die Anderen in ihrem Übereifer ein ganzes Blech nur mit Tomaten belegt, oder sonstigen "Unfug" gemacht . Ich weiß das hört sich jetzt lieblos an, aber ich bin von meiner Chefin einfach nur genervt. Mit Dementen Bewohnern einen Puppenwagen herstellen ist doch total Hirnrissig. Sie will sich doch bloß auf Kosten der Bewohner und mir profilieren. Danke das du mir geantwortet hast, auch wenn du jetzt so ein bisschen als seelischer Mülleimer herhalten musstest.

LG

donnergrummel

Offline Sunni

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Hallo.
Also, ich habe Ende letzten Jahres Korbflechten angeboten und ich kann sagen, dass es für Bewohner mit mittelschwerer bis schwerer Demenz meiner Meinung nach nicht umzusetzen ist. Es war schon für "fitte" Bewohner schwer, dem Flechtschema zu folgen, wir hatten mit dem 2er Geflecht begonnen, sind dann aber ganz schnell zum 1er gewechselt, weil die Bewohner sonst ständig die Flechtfäden verwechselt haben. Auch die Kraftdosierung war ein Problem, einige zogen zu stark, einige zu schwach. Es dauerte dann auch oft sehr lang, so dass die Fäden trocken wurden, was die Arbeit nicht erleichterte. Trotzdem sind einige schöne Körbe entstanden, aber das hat meiner Meinung nach nur geklappt, weil die Teilnehmer 1. motiviert waren, die Körbe herzustellen und daher auch bei Anfangsschwierigkeiten nicht die Lust verloren, 2. weil die Bewohner fit waren bzw. einige "nur" leicht dement waren.

Offline Tango

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Hallo donnergrummel,
das Stichwort Flechten hat mich an eine "Krake" aus meiner Kindheit erinnert: entweder eine Styroporkugel, oder wir haben damals sogar einen Wollknäuel genommen für den Kopf, über diese Kugel dicke lange Wollfäden (evtl. ja auch Strumpfhosenbeine?) oben auf dem "Kopf" fest zusammenbinden, unter dem Kopf auch, und dann nach unten weg mehrere "Krakenarme" runterflechten. Der Kopf bekam dann noch ein Gesicht aufgeklebt oder aufgenäht, das waren lustige Geschöpfe.

liebe Grüße
Tango :)

Offline senigon

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Hallo,
das Körbeflechten für demenziell stark veränderte BW stellt meiner Meinung nach eine Überforderung dar. Ich habe das zwar noch nicht in der Praxis umgesetzt, stelle mir aber vor, dass BW mit diesen doch recht komplexen Handlungsschritten schnell überfordert sind. Es sind ja keine automatisierten Handlungsschritte, die man wieder abrufen oder beüben könnte. Es sind für die meisten BW neu zu erlernende HS und das stellt stark demenziell veränderte BW schon mal vor eine große Hürde. Wozu so unbekannte HS einüben, wenn man doch durch alltagsrelevante Tätigkeiten wie Abtrocknen, Tische eindecken, Häkeln, Servietten falten uvm eine sinnvolle Aktivierung erzielen kann. Aber ich kenne das, die HL sieht irgendwo so spektakuläre Ergebnisse und möchte dann, dass sowas in deren Einrichtung auch umgesetzt wird?!
Schönen Tag noch, senigon